Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

Advent, das ist für uns eine kirchliche Jahreszeit, die sich durch allerhand schöne Bräuche tief in unser Gemüt eingeschrieben hat. Die vier Wochen, welche die Adventszeit ausmachen, haben in unserem Zeitgedächtnis feste Spuren hinterlassen. Wir denken an den Nikolaus- oder Luziatag, die Barbarazweige, den Heiligen Abend oder den beliebten Adventskalender. Die Adventszeit hat für uns so etwas wie ein für sie typisches Gesicht. Der Advent ist für uns nicht nur eine besondere Zeit. Zu ihm gehört aber auch, dass er in räumlicher oder örtlicher Hinsicht so etwas wie einen festen Platz besitzt, auch wenn uns das weniger bewusst ist. Er kennt neben einem festen Wann im Kalender auch ein festes Wo, wo er zuhause ist und stattfindet. Wo dieses Wo liegt, das sagt uns deutlich die Heilige Schrift. Sie ist es, die uns heute im Evangelium gleichsam zum Adventsplatz schickt. Dieser ist für uns sehr ungewöhnlich die Wüste. In ihr treffen wir den Adventsprediger Johannes den Täufer. Er lebt dort wie ein Wüstenheiliger. Zu seinem Wüstenort brechen viele Leute auf, um ihn zu hören, ihm zu begegnen, mit ihm zu sprechen und von ihm Lebenshilfe zu empfangen. Auch Jesus kennt und besucht ihn, auch er war wie nicht wenige andere ein stiller Liebhaber der Wüste.

Wenn heute mancherorts Advents- und Weihnachtsmärkte in einen Wald, an einen Fluss oder See oder sonst einen markanten Landschaftspunkt verlegt werden, dann könnte uns das an den Wüstenplatz des Johannes oder Jesu selber erinnern, wo der erste Advent stattgefunden hat. Advent in der Wüste, das klingt ein wenig romantisch, ist aber weit mehr als Romantik. Advent und Wüste gehören zusammen. Die sowohl wörtlich wie auch im übertragenen Sinn verstandene Wüste begleitet immer schon den Lebensweg eines Menschen, der glaubt. Die Wüste bildet so etwas wie einen idealen Lebensort unseres Glaubens. In ihr kann man den Glauben, den eigentlichen und tieferen Sinn des Lebens entdecken, finden, lernen, lieben und leben. Bis heute fehlt es nicht an Menschen, welche die Wüste als ihren geradezu idealen Lebensraum schätzen, hüten und pflegen. Ein sehr bekannter von ihnen ist der in der algerischen Sahara lebende und vor 100 Jahren bei einem Überfall getötete Charles de Foucauld, der als Bruder aller Menschen das verborgene Leben Jesu in Nazaret nachleben wollte. Er sagt: „In die Wüste muss man gehen und darin verweilen, um die Gnade Gottes zu empfangen. Dort wird man leer, weist alles aus sich heraus, was nicht Gott ist, und leert das kleine Haus der Seele, um allen Platz Gott zu überlassen."

Die Wüste, so verstanden, zeigt uns ein Bild von einem anderen Advent, nach dem nicht wenige heute Ausschau halten. Was für eine Adventsbotschaft hält die Wüste für uns bereit? Eine Grundforderung, die sie uns übergibt, besteht darin, die Wüste im eigenen Leben zu entdecken oder notfalls auch zu schaffen. Wer die Wüste als Gegebenheit akzeptiert oder sucht, dessen Leben kann zu einem Spielraum Gottes werden. Die Bekanntschaft mit der Wüste führt uns zur Selbsterfahrung und Selbster­kenntnis, sie überführt uns unserer Ohnmacht und Armut, unserer Bedürftigkeit und Verfügbarkeit. Der Weg zur Entdeckung des Lebens führt über die Wüste. Sie stoppt alle Flucht vor sich selber. Die Wüste hat ihre eigene Zeit, ihre Stunde. Sie erzieht zur Stille, zum Hören und Warten. Sie verlangt den Abschied vom Lärm u Vielerlei der Zerstreuung. Ihr Geheimnis vertraut sie dem schweigsamen Hörer an. Wer die Wüste sucht und aufsucht, der sucht im Grunde mehr. Er ist auf der Suche nach der Quelle, dem Brunnen, dem Grund des Daseins, seines Daseins. Je mehr er sich auf und in die Suche begibt, desto mehr besucht ihn zugleich der Gesuchte, Gott.

Der Weg in die Wüste rührt an unsere Einsamkeit. Nur der Einsame kann die Wüste bestehen. Gleichzeitig wird er des positiven Wertes der Einsamkeit inne, der ihm die Tür zur Begegnung mit anderen öffnet. Die Einsamkeit der Wüste versetzt uns in eine geschwisterliche Solidarität mit allen „Wüstenbewohnern", mit der Wüste als Inbegriff und Sinnbild unserer Welt. Wir wissen, dass wir nicht für uns einsam leben, sondern mit anderen und für sie. Die Wüste ist kein fester Zustand, sondern eine Wegstrecke, ein Wüstenzug. Durch sie kommt man dem eigenen Weg auf die Spur. Die Erfahrung der Wüste stellt und bringt uns auf unseren Glaubensweg. Darin offenbart sich das Adventsgeschenk der Wüste an uns. Wer sich auf die Wüste einlässt, dem widerfährt das Wunder des Weges. Stimmt das? Es trifft zu, dass die Wüste still ist und schweigt. Aber dieses Schweigen steht und ruht nicht in sich und für sich, es will uns betroffen machen. Erst in dieser Betroffenheit werden wir schweigsam im Hören auf das der Wüste eigene Wort. Der Reichtum der Wüste liegt in ihrer Botschaft, in ihrer Ermächtigung zum Wort, im Geschenk des Wortes. Wer die Wüste bestanden hat und besteht, der hat etwas zu sagen. Es ist ein wirksames Wort, das aus der Wüste kommt. Sie ist die Geburtsstätte des Evangeliums. Das Wort der Wüste ist nicht eigene Erfindung oder Einbildung, sondern im Schweigen, Hören, Suchen, Be­ten, Fragen und Ringen gereifte Frucht.

Die Wüste des heutigen Evangeliums bringt uns auf eine neue Fährte des Advents. Die Wüste hat bekanntlich mehrere Namen. In ihr haben viele Erfahrungen unseres Lebens und Glaubens Platz. In der Wüste zu sein, bleibt niemandem erspart. Der Advent erinnert uns daran. Er nimmt dabei die Bibel zu Hilfe, diese führt uns neben den bedrückenden Eindrücken der Wüste auch deren Hoffnungs- und Verheißungsbilder vor Augen, wenn wir in den Tagen vor und um Weihnachten lesen: „Die Wüste ... soll prächtig blühen wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen. Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt ... Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes." (Jes 35,1f)


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